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Jahresthema 2019: Kirchen bleiben Kirchen

In sich ändernden Zeiten Gotteshäuser für die Zukunft erhalten und bewahren

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Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft:
Die Kirche Neu-Horno

Horno hat eine traurige Geschichte, aber auch eine Geschichte, die Hoffnung weckt. Denn sie erzählt davon, welche Kraft Heimat und Glaube haben und wieviel sie den Menschen geben können.

1977 wurde Horno in der Lausitz zum „Bergbauschutzgebiet“ erklärt. De facto hieß dies, dass Braunkohle für wichtiger als Natur, Kultur und Dörfer erachtet wurde. In Horno bildete sich schon bald eine von der Staatssicherheit beobachtete Protestbewegung. Trotzdem beschloss die Regierung 1993, das Dorf zu opfern, damit die Versorgung des nahegelegenen Kraftwerks Jänschwalde gewährleistet war. Die Bewohner von Horno widersetzten sich jedoch der Abbagerung durch den Braunkohletageabbau und wurden somit quasi zum berühmten gallischen Dorf.

Als Pfarrerin Dagmar Wellenbrink 1994 nach Horno kam, beeindruckten die Menschen sie mit ihrer herzlichen Frömmigkeit und Demut sowie mit ihrer Bescheidenheit. Für sie wollte sie sich einsetzen, mit ihnen Freud und Leid teilen, versuchen, ihre Sorgen und Nöte zu heilen und mit ihnen die Freuden des Evangeliums zu erleben. Hier fand sie die Erfüllung ihres Amtes. In Bürgermeister Bernd Siegert traf sie auf einen Mann, der sich für Horno durch alle deutschen Instanzen kämpfte. Fortan stritten sie gemeinsam, denn, wie Dagmar Wellenbrink erläuterte, waren die Gründe, warum Horno platt gemacht werden sollte, viel zu oberflächlich.

Auf der anderen Seite argumentierte Vattenfall, dass, wer sich gegen die Umsiedlung Hornos stelle, gegen gesicherte Arbeitsplätze sei. Das Argument verunsicherte die Bürger, weshalb nicht alle die Proteste unterstützen. Als klar war, dass die Hornoer Klage vor dem Bundesverfassungsgericht keinen Erfolg haben würde, beschlossen Bürgermeister Siegert und Pfarrerin Wellenbrink, dafür zu kämpfen, dass wenigstens das
neue Horno genauso wiederaufgebaut würde wie das alte.

Dieser Kampf war erfolgreich und Vattenfall übernahm sogar für alle Bauten die Kosten. Allerdings war es für Pfarrerin Wellenbrink nicht einfach zu begründen, warum Neu-Horno eine eigne neue Kirche brauchte, da es im Nachbarort Eulo bereits eine Kirche gab. Die Idee, die neue Kirche auch als überregionales Dokumentations- und Begegnungszentrum zu nutzen, half schließlich die Genehmigung für den
Kirchenneubau zu erhalten.

Nur zwei Jahre Zeit gab es für die Umsetzung der Umsiedlungsideen, bis Bagger und Förderbrücken nahten. Die meisten der 60 Hornoer Familien siedelten 2003 nach Neu-Horno um, das 15 km entfernt im Gebiet der Stadt Forst liegt.

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft war das Motto, unter das Pfarrerin Wellenbrink und Bürgermeister Siegert die Umsiedlungsaktion stellten.

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft war auch das Motto für den Kirchenneubau. So verband der Cottbusser Architekt Thomas Woskowski in seinen Plänen Altes und Neues. Die äußeren Maße und Proportionen sind identisch mit der alten Kirche, der Turm ist ein Kopiebau, auf den die alte Turmhaube aufgesetzt wurde.

Mitgenommen wurden aus der alten Kirche die Glocken, das Taufbecken, die Orgel, ein Deckenleuchter, die Totenkronenkästen aus dem Ersten Weltkrieg, die Emporentafeln sowie die Kanzel. Sie hängt allerdings nicht in der Kirche, sondern in der Ausstellung, da Pfarrerin Wellenbrink keine Kanzel wollte, mit der sie über Christus schwebt.

Die alte Kirche bestand aus Feldsteinen. Es wäre also möglich gewesen, sie Stein für Stein abzutragen und an neuer Stelle wiederaufzubauen. Aber das hätte bedeutet, dass es in den schwersten Zeiten für die Menschen keine Kirche gegeben hätte. Jahrhunderte lang wurden in der Kirche von Horno Menschen getauft, getraut und im Trauergottesdienst bedacht. Hätte das in den traurigen letzten Monaten nicht mehr möglich sein sollen? Auf der anderen Seite sollte die Kirche den Menschen in
Neu-Horno von Anfang an ein Ort sein, an dem sie zusammenkommen können, Geborgenheit und Begegnung erleben und Vertrautes wiederfinden.

Am 25. April 2003 fand der Gottesdienst für die Grundsteinlegung der neuen Kirche sowie des Begegnungs- und Dokumentationszentrums statt. Ein eigentlich trauriger Anlass, weil es den Verlust der alten Kirche deutlich machte, aber, so Pfarrerin Wellenbrink, es gab auch die Hoffnung, mit Gott nach vorne schauen zu können.

Die Fähigkeit, nach vorne schauen zu können und in schwierigen Situationen nach Gutem zu suchen, zeichnet Pfarrerin Wellenbrink und Bürgermeister Siebert aus. Und mit dieser Haltung halfen sie den Hornoern. Trotz des nicht abreißenden Stroms von Touristen und Journalisten sollte ein normales Gemeindeleben aufrecht erhalten werden, um den Bürgern beizustehen. Ein Anliegen, das viel Kraft kostete.

Am 4. August 2003 begannen die Abrissarbeiten an der alten Kirche. Zuerst wurden die Feldsteine der Friedhofsmauer verladen und nach Neu-Horno gebracht. Darauf folgten die Gedenktafeln. Am nächsten Tage wurde die Kirchturmhaube entfernt. Für viele Hornoer ein schreckliches Ereignis, sie empfanden ihre Kirche als enthauptet. In aller Stille fand im Herbst 2003 ein Gottesdienst statt, bei dem der Superintendent die Schließung von Kirche und Friedhof übernahm und die Gemeinde Abschied nehmen konnte. Dafür wurde am 2. Weihnachtstag in einer feierlichen Zeremonie durch den Bischof die neue Kirche eingeweiht.

Betritt man heute die Kirche von Neu-Horno, wird der Blick sofort auf die gläserne Apsis gelenkt. Sie lässt die Kirche in einem besonderen Licht erstrahlen. Gestaltet wurde die Apsis von Helge Warme und der Glaswerkstatt Andreas Walter. Im oberen und unteren Teil der Apsis dominiert die Farbe Blau, wodurch eine Assoziation zu Himmel und Meer entsteht. Als Moses und die Israeliten auf der Flucht vor den Ägyptern waren, teilte Gott das Meer und rettete sie so. In dem Blau befinden sich einzelne goldene Streifen. Sie symbolisieren, so Dagmar Wellenbrink, die Herrlichkeit Gottes. In der Offenbarung des Johannes heißt es im 21. Kapitel: „Und er führte mich im Geist weg auf einen großen und hohen Berg und zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem, herabkommend aus dem Himmel von Gott, und sie hatte die Herrlichkeit Gottes“. Dieser Gedanke wird auch in einem Mosaik wieder aufgegriffen, das sich im alten Altaraufsatz befindet. In der Mitte strahlt ein Kreuz, aber im Ganzen erinnert das Mosaik an den Grundriss des himmlischen Jerusalems mit seinen 12 Toren für die 12 Stämme Israels. Der Altartisch ist ein gläserner Kubus, in den Sand, Kies und Lehm aus Alt-Horno geschichtet wurde. Damit schwebt das himmlische Jerusalem, das das Nahen des Reichs Gottes verkündet, über der Hornoer Erde. Himmel und Erde verbinden sich fast. In den blauen Feldern der Apsis gibt es einzelne rot- weiße Streifen, die an Messlatten denken lassen. Sie sollen daran erinnern, so Pfarrerin Wellenbrink, dass Gottes Reich sich nicht begrenzen lässt.

Mit dem Beschluss, dass Horno dem Tagebau weichen muss, tat sich ein Problem auf, dass Dagmar Wellenbrink schwer belastete. Was sollte mit den Gräbern rund um die Kirche geschehen? Mit Geldern von Vattenfall wurde der vernachlässigte Friedhof im nahegelegenen Eulo wiederhergerichtet und die Hornoer bekamen dort einen eigenen Teil. Damit konnten die Toten wenigstens in geweihte Erde umgebettet werden. So wurde auch hier das Motto Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umgesetzt.

1897 wurde zu Kaiser Wilhelms 100. Geburtstag vor der alten Kirche eine Eiche gepflanzt. Auch sie musste dem Tagebau weichen, aber aus ihr sollte an der neuen Kirche ein Erinnerungszeichen entstehen. Für den Cottbusser Bildhauer Hans-Georg Werner symbolisierte der Eichenstamm ein Stück Zeitgeschichte des Ortes, quasi eine verborgene Zeittafel, die von guten und schlechten Jahren erzählt, aber auch über Verletzungen berichtet. Ihm war es mit seiner Arbeit wichtig, ein Zeichen zu setzen für die, die sich entschlossen hatten, an einem neuen Ort wieder für eine Einheit zusammenzustehen. So schuf er aus dem Stamm ein Zeitdenkmal mit einer Chronik über die Ereignisse in Horno zwischen 1897 und 2003, sowie das Wandfries „Hohelied des Lebens“ das in der neuen Kirche an den Seitenwänden hängt. Thematisch hat es die Klammer Flucht und Vertreibung, ein Thema, das für die Hornoer große Bedeutung hat, sich aber auch an vielen Stellen im Alten und Neuen Testament wiederfindet.

Das Motto Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft findet sich auch im Dokumentations- und Begegnungszentrum im 1. Stock wieder. In der Ausstellung „Verlorene Heimat“ stehen Holzmodelle von Kirchen stellvertretend für die 136 Orte, die dem Braunkohleabbau geopfert wurden. Durch zusätzliche Informationstafeln und Bücher lässt sich erkennen, welche Auswirkungen auf Kirchen und Kirchengemeinden der Ober- und Niederlaussitz der Bergbau hatte.

Eine Fahrt nach Neu-Horno kann ich nur empfehlen. Die Kirche ist wirklich schön und die Ausführungen von Dagmar Wellenbrink zu den Geschehnissen, den Überlegungen und Empfindungen machen den Besuch zu einem Erlebnis. Das Gespräch mit Küsterin Frau Kutzscher und die Führung durch das Dokumentationszentrum runden den Besuch ab. Der Neuanfang ist gelungen, die Zahl der Gemeindeglieder ist gestiegen. Für viele Bürgerinnen und Bürger wurde die neue Kirche zu einem Zentrum des Heimatgefühls oder wie es Pfarrerin Wellenbrink ausdrückte, das Wort Gottes lässt sich nicht „wegdevastieren“. Bedrückend ist allerdings, dass die nachfolgenden Generationen nicht mehr das gleiche Maß an Engagement aufbringen (können) und die Kohleförderung 2030 eingestellt wird. Der jetzige Pfarrer ist für sieben Gemeinden zuständig, weshalb in Horno nur noch einmal im Monat ein Gottesdienst gehalten werden kann. Aber dennoch sind Kirche und Dokumentationszentrum jeden Sonntag von 14 bis 17 Uhr offen.

Beatrix von Foerster


Bildnachweis:

© Beatrix von Foerster

Letzte Änderung am: 06.07.2019