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RSSPrint

Monatsspruch Mai 2018

Porträt Michael Juschka

Pfarrer Michael Juschka

„Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.” (Hebräerbrief 11,1; Luther 2017)

Wir saßen als Schaukastenredaktion zusammen und freuten uns, dass der Monatsspruch für den Monat Mai von SchülerInnen der Johannes-Tews-Grundschule unter der Leitung der Religionslehrerin umgesetzt werden wird. In diesem Monat werden Sie dieses Kunstbild im Schaukasten betrachten können. Im Redaktionskreis tauschten wir uns über die Bibelstelle aus, um erste Assoziationen zu sammeln.

Eine Spannung durchzieht den Hebräervers, ein Gegensatz oder Streit zwischen Sichtbarem und Nichtsichtbarem. Wir sprachen über die digitale Welt und überlegten, welche im Internet kursierenden Dinge der Wahrheit entsprechen. In sozialen Netzwerken fallen zwei Tendenzen besonders auf: Kurzlebigkeit von Informationen und eine ganz extreme Fokussierung auf persönliche Befindlichkeiten. Jugendliche und Erwachsene inszenieren sich ständig durch Bilder und Botschaften, die die Wirklichkeit abzubilden scheinen, selbst: „Schaut, so essen wir“ oder „So fröhlich sind wir gerade“. Die Persönlichkeit wird auf einzelne Aspekte reduziert. Durch die vielen Menschen, die einer digitalen Kurzbotschaft folgen können, entwickelt sich die Möglichkeit, sehr schnell große Beachtung zu finden. Beispielsweise mit Bildern, Videos, Kommentaren oder Selbstinszenierungen. Ausgewogene Berichte, Schwächen und Unsicherheiten kommen eher selten vor. Jeder, der sich in sozialen Netzwerken äußert, macht sich angreifbar. Ich vermute, dass wir durch die Schutzlosigkeit im digitalen Austausch Wesentliches verkürzen.

Wie fremd und anders erscheint die Denk- und Sichtweise des Hebräerbriefes. Der jüdisch-christliche Autor des Briefes beschrieb seine sichtbare Welt als eine zutiefst fremde Welt. Er erinnerte an etliche herausragende Frauen und Männer des Alten Testaments, die für ihn Glaubensvorbilder waren. Die Glaubenszeuginnen und –zeugen glaubten, dass Gottes Wirklichkeit real aber verborgen war. Sie glaubten, dass er Anfang und Ende alles Daseins fest in der Hand hatte, und Menschen durch sein Wort und in Jesus Zugang zu ihm finden konnten.

Der Autor des Hebräerbriefes benutzte verschiedene Bilder, um ein zukünftiges Ziel der Glaubensgeschwister auszumalen. Die Bilder von einem unzerstörbaren Reich, einem Pilgerweg, einer Herrlichkeit Gottes, einer Gottesruhe oder einem Hohenpriester Christus, durch den Christen Zugang zu dem Gott Israels bekamen, gehören überwiegend zu einem uns nicht mehr emotional treffenden mosaischen Tempelkult. Ich deute das Wort „Glauben“, das vom urchristlichen Autor immer wieder genannt wird, mit Zuversicht, dass Gott mit den Menschen unterwegs ist. Wer das so spürt und glaubt, weigert sich, sich von den scheinbar zwangsläufigen Gegebenheiten und Begrenzungen dieser Welt blenden zu lassen. Ist der zuversichtliche Mensch nicht gerade deshalb so stark, weil er sich nicht von dem kleinen Ausschnitt einer Tagesnachricht fesseln lässt, sondern sich in großen Bögen der Geschichte Gottes eingebunden sieht? Ist der Mensch, der von Hoffnung durchströmt ist, nicht eine zentrale Macht, um sich über das Gegenwärtige, Bruchstückhafte, die Teilwahrheit und das von Interessen geleitete Statistische zu erheben? Ich rede jetzt nicht, als würde ich dem Trend, sich wissenschaftlicher und vernunftorientierter Erkenntnisse zu entziehen, Nahrung geben wollen. Im Gegenteil! Wenn ich nicht von Erinnerung und Zukunftshoffnung, Wissen um menschliche Entgleisungen und dem Wunsch nach Verbesserung oder dem Glauben an eine andere Wirklichkeit getragen werde, entwickle ich auch keine politische Perspektive und werde niemals vollmächtig sagen können „I have a dream“.

In einer sehr lesenswerten neuen Bibelübersetzung (Neue Genfer Übersetzung) lautet der Vers aus dem Hebräerbrief: „Was ist denn der Glaube? Er ist ein Rechnen mit der Erfüllung dessen, worauf man hofft, ein Überzeugtsein von der Wirklichkeit unsichtbarer Dinge.“ Christus unterscheidet nicht zwischen Menschen mit mehr oder weniger Würde, nicht zwischen Frauen und Männern, nicht zwischen gebildet und ungebildet, nicht zwischen wohlhabend und erbärmlich arm. Christus lädt ein. Er lädt ein, sich seinem Blick anzuschließen, sich dafür offen zu halten, dass alle Menschen sich als gewollt, gefördert, geliebt und eingebunden erleben dürfen. Und deshalb sollen wir davon überzeugt sein, dass Krieg und Ausbeutung nicht die Zukunft bestimmen werden.

Das, was mich am Hebräerbrief hellhörig macht, ist sein Blick auf die „Wolke der Zeugen“, alle Menschen, die vor uns mit ihrer Zuversicht die Welt verändert haben. „I have a dream“ musste gesagt werden, damit erkannt werden konnte, dass wir bei Wert und Würde keine Unterschiede machen dürfen. Der Hebräerbrief ermutigt auch für die Gegenwart: Wir sind schon jetzt und hier von einer großen Zeugenschar umgeben. Ich vertraue auf eine Mehrzahl von Menschen, ob im Bus, in der U-Bahn, im Kiez, in der Stadt, in unserem Land oder weltweit, die nicht nur für sich und im Augenblick leben, sondern eine nachhaltige Entwicklung fördern wollen und sich deshalb nicht von Schwarz-Weißmalerei oder easy going Botschaften betören lassen.

Michael Juschka

Letzte Änderung am: 26.04.2018