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RSSPrint

Monatsspruch November 2017

Porträt Michael Juschka

Pfarrer Michael Juschka

„Meine Wohnung soll unter ihnen sein, und ich will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein.” (Ezechiel/Hesekiel 37,27)

WO WOHNT GOTT?

Stellen wir uns vor, wir läsen unter den Annoncen in einer Zeitung folgende Bitte: „Suche dringend Wohnung für ein bis drei Personen, möglichst zentral, beheizbar und auf Dauer. Gott!“

Wo wohnt Gott? Was antworten Sie auf eine solche Frage?

Ich kann eine transzendente Antwort geben: Gott wohnt in den Himmeln, jenseits unseres Zugriffs und unserer Vorstellungen. Er ist nicht zu fassen. Gott residiert in einer Welt, die nicht des Menschen Welt ist. Er rückt damit in die Ferne.

Als Ezechiel davon spricht, dass Gott seine Wohnung bauen wird, „steht es schlecht um das Volk Israel und um seinen Gott. Das Volk Israel ist militärisch besiegt, sein Staat zerschlagen, sein Tempel zerstört. Nicht nur das Volk, auch dieser Gott hat seinen bisherigen (angenommenen) Wohnraum verloren.“

„Wo wohnt Gott jetzt?“, so fragten die Deportierten an den Wassern Babylons. „Wo wohnt Gott?“, ist zu einer Frage vieler ratloser und skeptischer Menschen geworden. „Gott gibt es nicht“, so antwortete der atheistische Staat auf deutschem Boden. „Ich glaube nicht und ich brauche auch keine Kirche“, so haben viele längst für sich entschieden. Gott ist in unserer säkularen Welt in Wohnungsnot geraten. Immer weniger fragen nach ihm. Ezechiel hatte die Vision, dass Gott dort wohnt, wo sein Volk ist. Wenn kein Glaubensvolk mehr zu finden ist, bleibt Gott obdachlos. Merkwürdig ins Private abgerutscht bleiben existentielle Fragen in Menschen bestehen: Wer bin ich, wo gehöre ich hin und wer behütet mich?

DIE KIRCHE IM DORF LASSEN

Ich erinnere mich, dass Gemeindeglieder von ihrem Dorf erzählten, in dem eine alte, verfallene Dorfkirche stand. Ich war mehr und mehr gespannt, als berichtet wurde, wie in einem strukturschwachen Raum mit wenigen Menschen, die überwiegend nicht religiös und schon gar nicht Kirchenmitglied waren, eine Initiative entstand, um die evangelische Dorfkirche wieder aufzubauen, um sie in unterschiedlicher Weise nutzen zu können. Ein ganz konkretes anderes Beispiel, das für vermutlich hunderte Dorfkirchen steht, ist die Vierradener Kreuzkirche nahe der Oder. Am 20. April 1945 wurde sie gänzlich zerstört. Niemand schien diesen Ort mehr zu brauchen. Fünf Jahrzehnte wucherte die Natur aus der Ruine, der Wind zog durch, Schnee lag auf dem Fußboden. Nichts schützte diesen Raum. Statt Spuren von Gottes Nähe zu verkünden, zeigte die Kirche eine bleibende Sprache des Desinteresses an Gottes Ort mitten unter den Menschen. Erst 1999 wendete sich das Blatt. Es gab zur rechten Zeit eine lebendige Kirchengemeinde, eine Stadtverwaltung, Spender, Stifter und ein Nutzungskonzept, das Christen und Nichtchristen verband. Im Kirchturm wurden nutzbare Räume geschaffen. Das Kirchenschiff blieb ohne Dach. Lesungen, Ausstellungen, Kindergottesdienste und die Jugendarbeit finden hier statt. „Gemeinsam lernen die jungen Menschen Verantwortung für Gegenwart und Zukunft zu übernehmen und werden so zum Vorbild in unserer Gesellschaft“, so schloss Richard von Weizäcker seinen Bericht über diese Brandenburger Dorfkirche.

GOTT RAUM SCHAFFEN

Gott Raum anbieten, ihn unter uns ankommen und wohnen zu lassen, wie soll das gelingen? Jesus hatte gesagt, dass dort, wo zwei oder drei in seinem Namen zusammen kommen, um über biblische Worte nachzudenken und Gottes Kommen in die Welt zu feiern, durch diese ist er selbst mitten dabei, spürbar präsent und lebendig. Gerade im November wird in der langen Dunkelheit und im Nachdenken über die eigene Endlichkeit spürbar, dass wir aus dem Nichts stammen. Wir sind nichts Ewiges. Wir versuchen uns Raum und Wohnung und Glanz in dieser Welt zu verschaffen. Aber im Tiefsten unserer Seele spüren wir, es wird von uns nichts bleiben. Und nur, so sagte es der Gelehrte Nachmanides (1194-1270), weil Gott so nahe bei uns wohnt und jeden Augenblick uns mit Leben füllen will, existieren wir.

Wir brauchen Gottes Nähe, sein Wohnen unter uns und in uns, damit wir dem Nichts etwas entgegen setzen können. Die Gotteshäuser, ob nun Synagogen, Kirchen, Moscheen oder Tempel sind für uns Menschen wichtig, weil sie etwas von dieser Angewiesenheit verkörpern.

Gottes Wohnen unter den Menschen hat in der rabbinischen Theologie eine besondere Bedeutung erfahren. Gottes „Einwohnung“ oder „Wohnstatt“ ist diesseitig, nicht jenseitig, ist erfahrbar, nicht nur geistlich, ist mit konkreten Wirkungen verbunden und nicht spekulativ. Das Judentum nennt das Wohnen Gottes unter den Menschen „Schechina“. Sie verkörpert eher die weibliche Seite Gottes wie z.B. in der Gestalt der „Königin Sabbat“, die Freitagabend für Freitagabend in die jüdische Gemeinde einzieht. Ihre Nebenwirkungen sind Ruhe, Glück, Heiligkeit und Frieden.

Wissen Sie, wann der Monatsspruch in den Kirchen gepredigt wird? Es ist der Tag, an dem die meisten Menschen die Kirche füllen, weil sie die Geschichte hören wollen, in der Gott den Menschen so nahe kommt, dass er in einer Krippe wohnt.

Michael Juschka

Letzte Änderung am: 29.10.2017