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RSSPrint

Monatsspruch September 2017

Porträt Michael Juschka

Pfarrer Michael Juschka

„Und siehe, es sind Letzte, die werden die Ersten sein, und sind Erste, die werden die Letzten sein.” (Lukas 13,30)

EINE ENGE PFORTE UND EINE SICH BALD SCHLIESSENDE TÜR

Überraschend stark hat sich die biblische Redewendung, dass die Letzten die Ersten sein werden, im Sprachgebrauch festgesetzt. Ich erinnere humorvolle Situationen, in denen sich Menschen mit dieser mit der Hoffnung auf einen Wechsel der Reihenfolge selbst trösten. Zum Beispiel, wenn sie sich bei einer langen Schlange ganz hinten befinden oder beim Essen eine fast leere Schüssel oder Flasche gereicht bekommen.

Im Lukasevangelium wirkt dieser Vers von den Letzten und Ersten wie ein Weckruf, wie ein Impuls zur Beschleunigung des eigenen Handelns. Der Kontext macht deutlich, dass sich die Tür zum Gottesreich zu schließen droht, dass die Sitze am Tisch in der Gemeinschaft Gottes knapp sind. Also werden die Christen hier im Lukasevangelium zum Wettlauf und Wettkampf aufgefordert. Sie sollen sich beeilen, sich durch die schmale Pforte hindurchzwängen und vor allem die Zeit nutzen, bevor die Tür ins Schloss fällt, so die Bilder, die zuvor von Jesus benutzt werden. Die, die das Evangelium hören und umsetzen wollen, lassen keinen Zweifel daran, zu Christus zu gehören und hoffen so auf Einlass in das Gottesreich. Auch wenn sie zu denen gehören, die erst spät zum Glauben gefunden haben und im früheren Leben schädlichen Versuchungen erlegen und falschen Göttern nachgelaufen sind, haben sie Hoffnung, doch zu den Ersten zu gehören, die von Gott angesehen werden.

BEGRENZTE PLÄTZE UND FRISTEN

Das frühe Christentum war eine eilige Missionsbewegung. Heute schaut das etablierte Christentum auf 500 oder gar 2000 Jahre Kirchengeschichte zurück. Die christlichen Gruppen, die vom Weltende und der begrenzten Zahl in Gottes Reich sprechen, sind eine Randerscheinung in Bahnhöfen und Fußgängerzonen geworden. Das Grundgefühl der christlichen Ökumene ist nicht mehr davon geprägt, wie es noch manche Stellen im Neuen Testament ahnen lassen, an dem alten ehrwürdigen Gottesvolk Israel oder am weltweiten Judentum vorbeiziehen zu müssen, um vor Gott die besseren SchülerInnen zu sein. Die frühchristliche Eile hat sich transformiert. Sie ist in die Schnelligkeit der Investitionsentscheidungen, in die Effizienzsteigerung der Arbeitsprozesse und die Kommunikation geschlüpft. Eile ist gerade heute in fast allen Lebensbereichen gegenwärtig. Sie prägt unser Dasein, unsere Gegenwart, um hier und jetzt nicht zu kurz zu kommen und nicht zu den Letzten zu gehören. In Empfehlungen für Pilgernde auf dem Jakobsweg heißt es, man müsse früh aufbrechen, um einen Schlafplatz in der begehrten nächsten Herberge zu bekommen. Hier geht es um den real vorhandenen Raum und eine Tür, an der abends steht: Wegen Belegung geschlossen! Was die Deutschen im September bewegen wird, ist die Frist bis zur Bundestagswahl. Dort gibt es nach der Auszählung ein zu spät oder Letzte und Verlierer, einen Bundestag mit begrenzten Sitzen. Die anstehende Entscheidung beschleunigt Themen, Auftritte und Berichterstattungen, und manchmal ereignen sich Dinge, die plötzlich aus prognostizierten Verlierern Gewinner machen.

Der Vergleichspunkt zum biblischen Wort ist: Es gibt eine Unsicherheit über das, was kommt. Wir haben die Zukunft nicht in der Hand und somit bleibt bis zuletzt offen, wer Erster und wer Letzter sein wird.

STATUSVERZICHT UND GELASSENHEIT

Die Antike war geprägt von Ehre, Ansehen und Statusgewinn. Dem Urchristentum war die Umdeutung und damit der Wechsel der Positionen enorm wichtig. Diese revolutionäre Umkehr benennen Psalmen, und Maria singt davon in ihrem Lobgesang. Die ersten Christen entwickelten daraus eine Grundtugend. Sie kann „Demut“ genannt werden. Sie beschreibt die Bereitschaft, die anerkannte und erstrebte gesellschaftliche Position bewusst zu verlassen und sich in den Dienst der anderen zu stellen. Diese Umdeutung des eigenen Status gab es auch unter antiken Herrschern. So riet der makedonische König Antigonos Gonatas (gest. 239 v. Chr.) seinem Sohn: „Weißt du nicht, dass die Königsherrschaft nichts anderes ist als ehrenvolle Sklaverei“? Die Mehrzahl der Abgeordneten werden ihre Wahl in diesem Sinne verstehen und verdienen, wie ich meine, Anerkennung und keine Häme. Für Jesus war wichtig, seinen Nachfolgerinnen und Nachfolgern einen hohen Status zuzusprechen. Sinngemäß: „In Gottes Augen seid ihr Repräsentanten des Höchsten. Statusverzicht und Demut sind eure Herrschertugenden.“

Ich bin vielen Menschen begegnet, die sich weder durch Vermögen, noch berufliche Position und auch nicht durch öffentliche Aufmerksamkeit auszeichnen. Sie sind beseelt von dem Gedanken, helfen zu wollen. Sie setzen sich gegen Willkür in Ämtern oder Krankenhäusern ein, engagieren sich mit Briefen gegen Unrecht und wirken auf eine stille und doch souveräne, selbstbewusste Art, stärken und stützen manchmal die Kirchengemeinde oder ein wichtiges Stück unserer Weltordnung. Kennen Sie solche stillen Autoritäten? Sie sind gelassen in ihrem Tun, weil sie wissen, dass sie nicht den Applaus der Welt brauchen. Die, die ich vor Augen habe, tragen in sich die Größe, von einem Gott her ermutigt zu sein und von ihm in Liebe angesehen zu sein. Sie sind die heimlichen „Ersten“. So möchte ich auch gern werden.

Michael Juschka

Letzte Änderung am: 29.10.2017